Starke Stadtbezirkszentren im Südwesten
Bochumer Masterplan vorgestellt
Als die Vertreter von Stadt, Wirtschaftsförderung und Handelsverband ihren neuen „Masterplan“ zur Entwicklung des hiesigen Einzelhandels am 12. September 2007 im Saal der Bezirksvertretung in der Bezirksverwaltungsstelle in Weitmar präsentierten, hielt sich die Zahl der interessierten Bürger zu ihrer Überraschung in deutlich überschaubaren Grenzen. Über die Gründe dafür lässt sich nur spekulieren. Möglicherweise ist das Thema vielen allzu „abstrakt“ oder aber man weiß um die eigenen Stärken und verspürt bezüglich des vorhandenen Einkaufsangebots im Bochumer Südwesten keinen wirklichen „Leidensdruck“. Dennoch lohnt es sich, einmal einen Blick auf die Ergebnisse und Absichten des Projekts „Masterplan“ der Stadt Bochum zu riskieren.
Der erste Blick richtet sich dabei auf den formalen Hintergrund sowie die Frage, warum eine Stadt wie Bochum überhaupt einen solchen Plan brauchen mag. Der bestehende Masterplan ist durch die gemeinsame Beauftragung von Stadt und Bochumer Wirtschaft unter Federführung der IHK durch das Büro Junker und Kruse erstellt worden. In seiner jetzigen Form wurde er am 28. September 2006 als Entwicklungskonzept gem. BauGB durch Ratsbeschluss verabschiedet. Er will im Sinne einer positiven Entwicklung der Handelsstrukturenn einem Interessenausgleich von einzelnen betriebswirtschaftlichen Interessen mit den gesamtgemeindlichen Zielen und Entwicklungsvorstellungen dienen. Künftige Stadtentwicklungsentscheidungen sollen zudem den Masterplan als wichtige Basis berücksichtigen und für alte wie neue Investoren soll er ein Stück Rechtssicherheit bieten, indem er als Instrument zur zukünftigen Steuerung der Einzelhandelsentwicklung dient.
Was heißt das im Klartext und was bedeutet das für unsere Region? De facto wünscht sich die Stadt ein verbindlicheres Steuerinstrument, mit dem sich bis auf die Ebene von Stadtteil- und Nahversorgungszentren hinab aktive Ansiedlungs- aber auch Abwehrpolitik betreiben lässt. So soll die Ausbreitung des Einzelhandels noch stärker als bisher gebündelt und auf bestehende Zentren konzentriert werden, um so zu einer Stärkung dieser Zentren beizutragen und einer Zergliederung des Handels entgegen zu wirken. Als Beispiel für dieses Vorhaben mag man an die Auseinandersetzung der Stadt mit dem Einzelhandelsunternehmen Lidl denken. Auf das pauschale Veto der Stadt Bochum in Bezug auf insgesamt 15 Ansiedlungsanfragen des Discounters (darunter auch das Delphi-Gelände in Linden) folgte eine intensive gerichtliche Auseinandersetzung, die letzten Endes in einem Vergleich der streitenden Parteien mündete. Lidl erhält nunmehr die Genehmigung für die Errichtung von fünf Filialen innerhalb der zur Disposition stehenden Gebiete und verzichtet gleichzeitig auf die Errichtung der übrigen zehn Niederlassungen. Unglücklicherweise gehört das Delphigelände zur erstgenannten Gruppe und hat somit keinen Schutz durch den Masterplan erfahren. Der Verlauf des Rechtsstreits ist nach Auffassung der Masterplan-Initiatoren vor allem deshalb so ungünstig verlaufen, weil die Stadt zu Beginn eben nicht mit einem solchen Instrument aufwarten konnte.
Um feststellen zu können, welche Zentren und Teilzentren einer Stadt überhaupt als besonders schützenswert gelten, muss man die vorhandenen Strukturen natürlich zunächst einmal entsprechend klassifizieren. Dieses geschieht beim Masterplan über einen Vergleich des vorhandenen Angebots – differenziert nach Güterangeboten des kurz-, mittel- und langfristigen Bedarfs – in Bezug auf die vorhandenen Angebotsflächen und jährlichen Umsätze. Und legt man diese Kennziffern zugrunde, erscheint die Lindener Meile – gleich nach der Bochumer Innenstadt und dem Wattenscheider Zentrum – innerhalb unserer Stadtgrenzen an ausgezeichneter dritter Position! Auf einer Verkaufsfläche von mehr als 12.500 qm setzten die hiesigen Einzelhändler im Erhebungsjahr bemerkenswerte 44,4 Mio. Euro um. Und das bei einem nahezu idealen Warenmix aus Angeboten des täglichen (z.B. Lebensmittel, Zeitungen) sowie mittel- und langfristigen Bedarfs (zur zweiten Gruppe sind beispielsweise Produkte wie Seife und Zahnpasta, zur dritten beispielsweise Möbel zu zählen).
Linden gilt dem Terminus des Masterplans nach als so genanntes Stadtbezirkszentrum und ist damit als „besonders schützenswert“ eingestuft. Doch wie soll das konkret geschehen? Geht es nach dem Willen der Mastplan-Initiatoren, vornehmlich darüber, dass sich diese Zentren in neuen Interessengemeinschaften organisieren und die Stadt diese Gemeinschaften mit Informationen und Leistungen fördert. Der „Zaubergriff“ lautet hier ISG (= Immobilien- und Standortgemeinschaft). Und mit dieser Namensschöpfung ist auch gleich der besondere Akzent aufgezeigt, um den es den Planern geht; nämlich der stärkeren Einbindung der Immobilienbesitzer in die kommunalen Gewerbeanliegen. So hängt ein günstiger Warenmix natürlich auch nicht zuletzt davon ab, inwiefern Eigentümer ihre Gewerbeflächen auch entsprechend verpachten. Macht ein Schuhgeschäft pleite, kann es für ein Stadtteilzentrum natürlich einen erheblichen Unterschied bedeuten, ob sich in dem Ladengeschäft künftig eben wieder ein Schuhverkäufer ansiedelt oder ob die Fläche stattdessen an eine Spielothek verpachtet wird. Kurzfristig betrachtet, mag das für den Verpächter der Immobilie keinen nennenswerten Unterschied ausmachen, mittel- bis langfristig könnte aber sowohl das Stadtteilzentrum wie auch der Immobilienbesitzer (durch entsprechenden Wertverlust) unter einer solchen Veränderung leiden. Über die Gründung der angesprochenen ISGs sollen solche Aspekte aufgegriffen und gemeinschaftliche Planungen zur Erhaltung und zum Ausbau vorhandener Zentren formuliert und initiiert werden. Zusätzlich sollen diese Gemeinschaften auch insofern gestärkt werden, als das sich einzelne Händler gemeinschaftlich formulierten Aktivitäten nicht mehr einfach durch bloße Verweigerung entziehen können. Vielmehr sollen sie in einem vertretbaren Rahmen sogar zu einem gemeinschaftlichen Engagement „verpflichtet“ werden können. Inwieweit sich diese Vorhaben und Wünsche in der Praxis jedoch tatsächlich durchsetzen lassen, wird die Zukunft erst noch zeigen müssen.
Nachdem uns die Macher des Masterplans ein so fantastisches Zeugnis ausgestellt haben, könnte man natürlich meinen, dass uns derartige Vorhaben nur äußerst randständig interessieren müssten. Schließlich haben wir doch alles: Ein hervorragendes Gesamtangebot, einen überdurchschnittlichen Warenumschlag, attraktive Sonderveranstaltungen und verkaufsoffene Sonntage etc. Doch bei aller Pracht, sollte man vielleicht auch ein Augenmerk auf die Bereiche wenden, in denen es nicht ganz so glänzend läuft. Frappierende Umsatzeinbrüche in Folge langfristiger Bauvorhaben fallen einem da als erstes in den Sinn. So geschehen im vergangenen Jahr im Zusammenhang mit den Baumaßnahmen an der Kassenberger Straße, so geschehen in diesem Jahr mit dem Ausbau der Straßenbahnlinie 318 im Bereich der oberen Dr.-C.-Otto-Straße. Einzelunternehmen büßen hier unverschuldet und rasend schnell bis zu 50% ihres Umsatzes ein und sind in der Folge z.T. sogar zur Schließung ihrer Geschäfte gezwungen. Die damit verbundene Frage muss lauten: Wie lassen sich Geschäfte vor solchen Umständen künftig wirkungsvoller schützen?
Ein weiteres Problem für manchen Einzelhändler stellen die z.T. eminent hohen Pachten und Mietforderungen im Bereich der Lindener Meile dar. Gerade „Neueinsteiger“ tun sich hier oft sehr schwer, weil ihnen die hohen Anlaufkosten im Zuge der Geschäftsgründung schnell über den Kopf wachsen. Die Folge: Noch schnellere Schließungen, häufige Anbieterwechsel in den betroffenen Ladengeschäften oder zeitweiliger Leerstand.
Weniger Probleme mit zu hohen Pachten haben die großen Franchise- und Markenketten. Sie siedeln sich bereitwillig an, verspüren jedoch kein ausgeprägtes Interesse daran, sich im Rahmen gemeinschaftlicher Aktivitäten im und für den Stadtteil zu engagieren. Die Ansiedlung wird alleinig unter Umsatz- und Effizienzkriterien betrachtet und im Zweifelsfalls ist das Unternehmen ebenso schnell wieder verschwunden, wie es gekommen ist.
Stadtbezirkszentren wie die Lindener Meile verdanken ihren guten Ruf und auch die nachhaltig gute Entwicklung vornehmlich der Tatsache, dass es engagierte und fest mit der Region verwurzelte Anbieter gibt. Ihr Handeln erstreckt sich wie selbstverständlich weit über die nächste Tageseinnahme hinaus und erfüllt damit auch eine wichtige soziale Aufgabe innerhalb eines Stadtbezirks. In den vergangenen Monaten und Jahren haben wir einige dieser kostbaren Unternehmen aus den unterschiedlichsten Gründen in Linden einbüßen müssen. Es muss ein wichtiges Bestreben für die nahe Zukunft sein, hier über „passende Ansiedlungen“ mittelfristig einen Ausgleich zu schaffen. Dafür würde man dann vielleicht lieber auf vorhandene „Marktbereinigungsschlachten“ gleicher Gewerke durch hemmungslosen Filialausbau und gegenseitige Kannibalisierung verzichten.
Tatsache ist, dass den Verpächtern der Immobilien und ihrem Handeln hierbei in jedem Falle eine große Bedeutung zukommt. Sie für eine gemeinschaftliche Ansiedlungspolitik – ganz egal, ob unter der Ägide des Masterplans oder eines anderen Konzepts - zu gewinnen, muss eine vordringliche Aufgabe all jener sein, die sich um die gewerbliche Entwicklung im Bochumer Südwesten sorgen. Nur so werden wir auch langfristig das erhalten können, was uns heute kostbar ist: Ein lebendes und attraktives Stadtbezirkszentrum Linden!
Anmerkung: Aktuell findet auf der Hattinger Straße eine kleine Unternehmensrochade statt. Der besseren Übersicht wegen sei hiermit erwähnt: Das TUI-Reisebüro zieht ab Dezember in die Räume des ehemaligen Schuhhauses Maas. In das heutige TUI-Reisebüro wiederum zieht der Schuh- und Schlüsseldienst von der gegenüberliegenden Straßenseite und erweitert das Angebot zusätzlich um ein Änderungsatelier. In dem ehemaligen Laden „Schuhe und mehr“ (neben dem ebenfalls geschlossenen Sport Patz) eröffnet Anfang Oktober der „Kids Corner“. Weiterhin verzeichnet die Hattinger Straße aktuell bzw. in naher Zukunft zwei neue Telekommunikationsanbieter: Im ehemaligen Feinkostgeschäft Menz befindet sich bereits jetzt eine Arcor-Filiale und im geschlossenen Eckgeschäft an der Keilstraße (ehemals „Cafe am Markt“ und „Ewi-Moden“) wird in Kürze Vodafone seine Pforten öffnen.